Bahubali und Bharata
Der Weg vom Sieg zur Erleuchtung – Die Geschichte hinter der Gommateshwara-Statue
Dieser Artikel erzählt die Geschichte von Bahubali und Bharata, den Söhnen des ersten Tirthankaras Rishabhanatha, ihren Konflikt um das Königreich, Bahubalis Sieg und seine darauffolgende Erkenntnis, die ihn zur Entsagung führte, sowie die Entstehung der monumentalen Gommateshwara-Statue zu seinen Ehren.
In der langen Geschichte der indischen Überlieferung gibt es viele Geschichten von Königen und Weisen, aber nur wenige sind so tiefgründig wie die von Bahubali und seinem Bruder Bharata. Sie waren die Söhne von Rishabhanatha, dem ersten Tirthankara (einem erleuchteten Lehrer) des Jainismus, einer alten Religion Indiens. Rishabhanatha war nicht nur ein geistiger Führer, sondern auch ein König, und als er sich entschied, der Welt zu entsagen und ein asketisches Leben zu führen, teilte er sein Königreich unter seinen Söhnen auf. Bahubali und Bharata erhielten jeweils einen Teil des Reiches, doch der Frieden sollte nicht von Dauer sein.
Bharata, der ältere der beiden, war ehrgeizig und wollte mehr als nur seinen Anteil. Er träumte davon, alleiniger Herrscher über das gesamte Reich zu sein, und so forderte er seinen Bruder Bahubali heraus. In den meisten Erzählungen wird berichtet, dass die beiden Brüder zunächst versuchten, ihre Streitigkeiten durch Verhandlungen zu lösen, doch als diese scheiterten, kam es zu einem Kampf. Es war kein gewöhnlicher Kampf, sondern ein Duell, das aus drei Teilen bestand: einem Blickduell, einem Wasserduell und schließlich einem Ringkampf. Bahubali, der jüngere und kräftigere, gewann alle drei Wettkämpfe und stand als Sieger da.
Doch in dem Moment seines Triumphes geschah etwas Unerwartetes. Bahubali blickte auf seinen besiegten Bruder und auf das Königreich, das er hätte gewinnen können, und erkannte die Sinnlosigkeit seines Strebens. Er sah, dass der Sieg nur zu weiterem Streit und Leid geführt hätte, und dass wahre Erfüllung nicht in Macht und Besitz liegt. In dieser Erkenntnis ließ er von seinem Sieg ab, verzichtete auf das Königreich und entschloss sich, wie sein Vater, ein asketisches Leben zu führen. Er legte seine königlichen Gewänder ab und zog sich in die Wildnis zurück, um zu meditieren.
Bahubalis Meditation war von außergewöhnlicher Tiefe und Ausdauer. Er stand regungslos in einer Haltung des tiefen Versenkens, so lange, dass Ranken und Schlingpflanzen um seine Beine wuchsen und Ameisenhügel sich um seine Füße bildeten. In den meisten Überlieferungen wird erzählt, dass er in dieser Haltung verharrte, bis er schließlich Erleuchtung erlangte. Seine Hingabe und sein Verzicht wurden zu einem Symbol für die Kraft der inneren Ruhe und der Überwindung von Ego und Begierde.
Jahrhunderte später, im 10. Jahrhundert, ließ ein Herrscher namens Chamundaraya eine gewaltige Statue zu Ehren Bahubalis errichten. Diese Statue, bekannt als Gommateshwara, steht auf einem Hügel in Shravanabelagola im heutigen Bundesstaat Karnataka in Indien. Sie ist fast 18 Meter hoch und aus einem einzigen Felsblock gehauen, was sie zu einer der größten freistehenden Statuen der Welt macht. Die Statue zeigt Bahubali in völliger Nacktheit, in der Haltung seiner Meditation, mit den Ranken um seine Beine – ein Bild, das seine Entsagung und seine innere Stärke verewigt.
Die Gommateshwara-Statue ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Ort der Verehrung. Alle zwölf Jahre findet dort ein großes Fest statt, das Mahamastakabhisheka genannt wird, bei dem die Statue mit Wasser, Milch, Safran und anderen heiligen Substanzen übergossen wird. Tausende von Gläubigen versammeln sich, um Bahubali zu ehren und sich an seine Geschichte zu erinnern. Seine Geschichte lehrt, dass wahrer Sieg nicht im Besiegen anderer liegt, sondern in der Überwindung des eigenen Stolzes und der eigenen Wünsche – eine Botschaft, die bis heute Menschen auf der ganzen Welt berührt.
Wusstest du schon?
Dreiteiliger Kampf
Der Bruderkonflikt zwischen Bahubali und Bharata wurde nicht mit Waffen ausgetragen, sondern in drei symbolischen Disziplinen: einem Blickduell, einem Wasserduell und einem Ringkampf – Bahubali gewann alle drei.
Wendepunkt der Erkenntnis
Unmittelbar nach seinem Sieg erkannte Bahubali die Sinnlosigkeit von Macht und Besitz. Statt den Thron zu besteigen, legte er seine königlichen Gewänder ab und zog sich zur Askese in die Wildnis zurück.
Meditation bis zur Erleuchtung
Bahubali stand so lange regungslos in tiefer Versenkung, dass Ranken um seine Beine wuchsen und Ameisenhügel sich um seine Füße bildeten – ein Bild äußerster Hingabe, das in der Gommateshwara-Statue verewigt ist.
Monument aus einem Fels
Die Gommateshwara-Statue in Shravanabelagola (Karnataka) ist fast 18 Meter hoch und aus einem einzigen Felsblock gehauen – eine der größten freistehenden Statuen der Welt.
Mahamastakabhisheka-Fest
Alle zwölf Jahre wird die Statue bei einem großen Ritual mit Wasser, Milch, Safran und anderen heiligen Substanzen übergossen. Tausende Gläubige versammeln sich, um Bahubalis Verzicht und innere Stärke zu ehren.
Botschaft des wahren Sieges
Die Geschichte lehrt, dass wahrer Sieg nicht im Besiegen anderer liegt, sondern in der Überwindung des eigenen Stolzes und der eigenen Wünsche – eine zeitlose Lehre, die bis heute Menschen weltweit berührt.
Rishabhanatha
Mehr aus Jainismus
Verbundene Lehren
Dieselbe Lehre, widergespiegelt in verschiedenen Traditionen
